Die Vorgänger: PXW-FS7 & PXW-FS7M2 – die Super35 Allrounder

Bei der Überlegung neue Kameratechnik zu beschaffen wägen professionelle Anwender verschiedene Faktoren ab. Neben den reinen Technik-Features spielen auch Faktoren wie Investionssicherheit, Verlässlichkeit und Verbreitung einer Kamera im Markt eine gewichtige Rolle.

Und scheinbar hat Sony als Kamerahersteller in den letzten Jahren sowohl technisch als auch bei der Berücksichtigung der letzt genannten Punkte vieles richtig gemacht. Die 4K-S35-Pioniere PXW-FS7 und FS7M2 zählen zu den meistverkauften Pro-Camcordern der jüngeren Vergangenheit.  Gerade die FS7 (und das Update FS7II) darf man als regelrechtes „Arbeitstier“ beschreiben, welches heute in nahezu allen Genres verwendet wird. Die überzeugende Bildqualität, der potente XAVC Codec (aber auch die Möglichkeit RAW-Daten auszugeben), das durchdachte Design, der flexible Objektiv-Mount  (der E-Mount mit der Möglichkeit nahezu alle verfügbaren Objektive zu adaptieren) und wahrscheinlich auch der Name „Sony“ haben die FS7/FS7M2 zu einer der beliebtesten Kameras ihrer Klasse gemacht.

FX9 – der ideale Einstieg ins Vollformat?

Auf der IBC 2019 stellt Sony mit der PXW-FX9 quasi den nächsten Evolutionsschritt im eigenen Line-up vor. Eine 6K-Vollformatkamera, die inoffiziell als Nachfolger der FS7 gehandelt wird. Und nicht nur Sony selbst glaubt, dass mit der FX9 zukünftig auch in der breiten Produktionslandschaft der Full-Frame-Look Einzug hält.

In unserer Rolle als neutrale Marktbeobachter schließen wir uns in weiten Teilen dieser Meinung an. Die FX9 liefert durchaus Argumente, weshalb man sie als zukünftige Standardkamera bezeichnen darf.

1) Vollformat wird immer beliebter

Kaum eine Produktion will in der heutigen Zeit auf den (subjektiv Qualität suggerierenden) Super35 Look verzichten. Kaum ein Genre (egal ob Doku, Featurefilm, Interview, Musikvideo oder Einspieler in TV Shows) bei der man nicht zum Gestaltungsmerkmal „Film-Look“ greift. Und was interpretiert man landläufig als „Film-Look“? Klar: Geringe Tiefenschärfe. Und was beeinflußt die Tiefenschärfe in erster Linie? Klar: Brennweite und Blendenöffnung der Linse!

Und da größere Sensoren bei gleicher Abbildungsgröße längere Brennweiten erlauben, haben die unterschiedlichen Hersteller in den letzten Jahren für jedes Budget eine Kamera mit (verhältnismäßig) großem Sensor auf den Markt geworfen.6K Vollformatsensoroll

Premiumproduktionen sind nun längst dabei in Vollformat zu produzieren:  Netflix-, Amazon- und Hollywood-Produktionen, von The Revenant bis zu den aktuellen Blockbustern wie der Joker oder der neue Top Gun Film – sie alle werden mit ARRI Alexa 65 / LF Kameras, RED Monstor, Sony Venice Kameras oder gar analog auf 70mm Film-Kameras gedreht.

Die Vollformatsensoren bieten den Vorteil, dass das Bild eine noch geringere Tiefenschärfe besitzt und die Gestaltung der Bilder in einer ganz neuen Form zulässt.

Da kommt es natürlich gelegen, dass Sony einen FS7-Nachfolger herausbringt, der einen Vollformatsensor besitzt und damit Vollformatproduktionen für einen Preis von unter  € 15.000 ermöglicht. Damit bietet die FX9 den idealen Einstieg in die Vollformatwelt.

2) FS7/FS7M2 Zubehör kann weiterhin genutzt werden

Die FX9 ist in vielen Bereichen stark an den Aufbau der FS7M2 angelehnt – charmanter Nebeneffekt: Ein Großteil der FS7/FS7M2 (3rd Party) Zubehörpalette kann an der FX9 verbaut werden. Auf den ersten Blick trifft das auch auf Objektive zu. Die FX9 besitzt – genauso wie die Vorgänger – einen E-Mount Anschluss, wodurch auf jeden Fall Sonys eigene Objektive genutzt werden können. Da der E-Mount ein geringes Auflagemaß besitzt, kann eine Vielzahl andere Objektive mit EF-/PL-/F-/G-/M-/R-Mount adaptiert werden. Dennoch muss man bei der Verwendung der Gläser zweimal hinschauen: Der Full-Frame-Sensor möchte zur vollständigen Ausleuchtung dann auch Linsen mit entsprechendem Bildkreis haben – dies gilt allerdings nur dann, wenn die FX9 im Full Frame 6K-Modus betrieben wird. Wenn die Kamera (was manchmal sicher sinnvoll ist) „nur“ im nativen 4K-Modus arbeitet, reichen S35-Objektive nach wie vor aus (da hier nur ein S35-äquivalenter Sensorbereich ausgelesen wird).

Die FX9 nutzt die gleichen BP-U Akkus und XQD Speicherkarten wie die FS7 & FS7M2. Da wird kein bisherige FS7 Nutzer seinen Akku-Bestand und -Workflow verändern müssen.

Ebenfalls ähneln sind die Maße des Kameragehäuses, wodurch ober- und unterhalb des Gehäuses das gleiche Zubehör genutzt werden kann: Sprich alle Top & Base-Plates können ganz einfach von der alten FS7 an die neue FX9 geschraubt werden. Ausnahme: Die Handgriff-Verlängerung und die Viewfinder Halterung sind nur mit denen der FS7M2 identisch – nicht mit der ursprünglichen FS7.

Zusammengefasst ist der Aufwand in Puncto Zubehöranschaffung für die neue FX9 für FS7/FS7M2 Besitzer ehr übersichtlich (die Kamera selbst natürlich außen vor gelassen).

3) Autofokus & Auto-Vario-ND: Perfekt für Single-Operator und Run&Gun

Bei der Entwicklung der FX9 involvierte Sony drei (bis dato eigenständige) Entwicklungsteams. Und so flossen die Erfahrung und Vision der Alpha Serie, der Professional Camcorder und der Cine Alta Kameras (F65, Venice) in einem Produkt zusammen.

Zum Beispiel arbeitet in der FX9 die Hybrid-Autofokus Technologie der Alpha 7 Serie. Der Hybrid-Autofokus kombiniert den bereits in der FS7 bekannten Kontrastbasierten AF mit einem Phasenbasierten AF und zusätzlich einer Gesichtserkennung. Besonders die Gesichtserkennung sollte für Filmer interessant sein. So identifiziert die Kamera gerne auch mehrere Personen im Bildausschnitt und verschiebt den Fokuspunkt auf Wunsch zwischen den Protagonisten. Bei unseren ersten Test mit dem FX9-Prototypen waren wir (und anwesende Kamera-Operator) mehr als verblüfft.

Spätestens seit Canons Autofokus-Technologie in der C200/C300M2 haben viele User dieses Feature zu schätzen gelernt. Die aktuellen Systeme sind mit ihren „schärfepumpenden Fokusfahrten“ Vorgängern nicht mehr zu vergleichen. Und so kann der Filmer sich in vielen Situationen – auch ohne Assistent – auf Framing, Komposition und Storytelling konzentrieren.

Ebenso wie in der FS7M2 ist in der FX9 ein Vario-ND Filter verbaut, welches stufenlos einstellbar ist. Die große Neuerung bei der FX9 ist, dass dieses automatisch von der Kamera geregelt werden kann, um die Belichtung des Sensors konstant zu halten. Auch dies sollte man (wie beim Thema Autofokus) nicht als Eingriff in die Bildgestaltung verstehen (man MUSS es ja nicht immer nutzen) – wir sind uns allerdings sicher, auch diese Evolution wird schnell in den Produktionsalltag Einzug halten.

4) 6K-Sensorauslesung – Weniger und angenehmeres Rauschen bei Low- bzw. No-Light

Die FX9 besitzt einen komplett neu entwickelten 6K-Sensor, den die Kamera komplett ausliest und dann auf ein 4K (oder HD) Format skaliert (Downsampling). Die 6K-Abtastung bringt einen großen Vorteil mit sich: Der Sensor bietet einen wesentlich höheren Dynamikumfang. Das Dual-Base ISO von wahlweise 800 oder 4000 ISO hilft zusätzlich bei schwierigsten Lichtverhältnissen ein nahezu rauschfreies Bild zu erhalten. Die Sensorabtastung und das Debayering in 6K birgt zusätzlich den Vorteil, dass das (Rest)Rauschen der Kamera wesentlich feiner und organischer und dadurch subjektiv weniger störend empfunden wird.

Allerdings fragt sich so Mancher, warum die Kamera trotz 6K-Sensor „nur“ maximal in 4K aufzeichnet. Sonys Antwort hierauf lautet, dass es das Down-Sampling irritiert, jedoch auch die viele Interessenten, die das erste mal das Datenblatt der FX9 betrachten. Es kommt schnell die Frage auf, warum die Kamera nicht gleich in 6K aufzeichnet und dem Filmer in der Postproduktion die Wahl lässt in welcher Auflösung das filmische Produkt am Ende erscheinen soll. Jedoch sollte beachtet werden für welche Anwendung diese Kamera konzipiert ist. Hochglänzende Film- oder Werbeproduktionen, wo Auflösungen über 4K für CGI-Effekte o.ä. wichtig wären, werden in den meisten Fällen nicht auf eine FX9 zurückgreifen. Die Kamera findet eher ihren Einsatz in TV-Formaten & -Shows wie Reportagen, Dokumentationen oder gar kleine Serienproduktionen, wo das Budget für einen 6K- oder 8K-Schnitt einfach nicht vorhanden ist. Das Format 4K bzw. UHD ist heutzutage noch immer nicht in allen Produktionen und Endabnahmen erforderlich, weswegen die 4K- Aufzeichnung für diese Kamera für heutige und auch zukünftige Produktionen völlig ausreichen wird. Eine 6K-Aufzeichnung würde nahezu eine doppelte Datenrate erfordern und somit gleichzeitig andere Herausforderungen mit sich bringen.

5) S-Cinetone für die Masse & 16-bit RAW für die Coloristen

Sony war leider nie gut, was die Farben anging. Schon in den Alpha 7 Kameras und den Profi-Camcordern war eines der größten Kritikpunkte, dass die Farben – besonders die Hauttöne – zu sehr der Japanischen Kultur angepasst waren und Europäische Gesichter einfach viel zu Grün/Braun-stichig waren. Es bedarf immer einer Anpassung via LUT oder Farbkorrektur, was immer ärgerlich war, besonders weil die Konkurrenz wie Canon oder Blackmagic eine attraktivere Farbwiedergabe schon länger boten.

Die FX9 profitiert da von der Entwicklung der Sony Venice Kamera: Die FX9 „erbt“ die Color-Science der Sony Venice Kamera und besitzt nun endlich natürliche Hauttöne von Haus aus. Sony geht sogar so weit, dass sie ein neues Farbprofil implementieren: Mit dem S-Cinetone kommt die FX9 mit einem Profil, das Hauttöne ansprechend wiedergibt und eine Art „Cine-Look“ ohne notwendige Farbkorrektur liefert. Das S-Cinetone Profil eignet sich somit ideal für schnelle Drehs, wo es kein Budget für Farbkorrektur gibt aber trotzdem ein entsprechender Look gewünscht ist.

Und wem das nicht reicht und seinen eigenen Look in der Farbkorrektur kreieren will, gibt die FX9 auch eine Lösung: Mit dem separat erhältlichen XDCA Modul ist es möglich via 12G SDI RAW Ausgang in 16bit RAW auf einem externen Rekorder aufzuzeichnen, was für nahezu alle Produktionen mehr als ausreichend Informationen für eine intensive Farbkorrektur bietet.

2020: Das Jahr der Vollformatproduktionen

Es lässt sich also festhalten, dass die FX9 eine Menge auf dem Kasten hat und eine logische Weiterentwicklung der FS7-Reihe ist. Sony hat die wenigen Schwachpunkte der FS7 erkannt und die gewünschten Besserungen gebracht, sodass die FX9 gute Chancen besitzt mindestens genauso erfolgreich zu sein.

Es wird auf jeden Fall viele Produktionsfirmen geben, die auf eine FX9 gewartet haben und nun auf diese umsteigen werden. Die Erstauslieferung der Kamera beginnt im Dezember und wird für viele Firmen eine ideale Möglichkeit sein, ihr übriges Budget aus dem Jahre 2019 zu verwenden.

Es bleibt also abzuwarten, wie schnell es immer mehr Produktionen mit Vollformat Kameras geben wird. Wir sind uns auf jeden Fall sicher, dass das Jahr 2020 einen Umschwung mit sich bringen wird von Super35 auf Vollformat. Wir bleiben gespannt!